Jane Silber

Das Interview wurde durchgeführt im: April 2006

Dinge, die Ubuntu betreffen

Was bedeutet "Ubuntu" für Sie?

Ich habe natürlich schon eine Menge Definitionen über Ubuntu gesehen und habe über Ubuntu in verschiedenen Zusammenhängen gelesen. Der Teil des Konzeptes, der mich innerlich beschäftigt, sind Menschen und ihre Bedeutung (und ihr manchmal überraschender Einfluss).

Dieser Gedanke spiegelt sich im Ubuntu-Projekt auf verschiedene Weisen wider:

- offensichtlich in den Menschen, die Ubuntu nutzen,

- aber auch in den Menschen der Community, welche ihren Beitrag für Ubuntu leisten,

- in den Menschen und Organisationen, denen durch Ubuntu, und die Freiheit die es bietet, geholfen wird,

- in den Menschen, denen ihr Auskommen auf die eine oder andere Art aufgrund von Ubuntu ermöglicht wird

- in den sozialen Strukturen der Ubuntu-Gemeinschaft

- in den Menschen, die aufgrund von auf Ubuntu basierenden Geschäftsbeziehungen zusammengebracht wurden

- usw.

Welche Tätigkeit haben Sie vor Ihrer jetzigen bei Canonical ausgeübt?

Ich hab schon immer mit Software und Softwareverwaltung zu tun gehabt. Vor Canonical war ich Vizepräsidentin einer Softwareentwicklungs- und Integrationsgruppe bei General Dynamics C4 Systems (Arlington, Virginia, USA). Ich bin dort für die technischen und geschäftlichen Abläufe einer Gruppe von über 100 Ingenieuren verantwortlich gewesen. Vor dieser Tätigkeit hatte ich einen abwechslungsreichen Werdegang, auf dem ich AI- (künstliche Intelligenz) Forschung, Softwareentwicklung, Projektsteuerung und Geschäftsentwicklung betrieben habe.

Welche tägliche Aktivitäten beinhaltet ihre Tätigkeit als leitende Geschäftsführerin (C.O.O), und welche Dinge darunter führen Sie persönlich besonders gerne durch? Welche Aktivitäten sind bei dem Job als C.O.O bei Canonical anders?

Einer der besten Dinge an meinem Job ist die innewohnende Vielfalt. Meine täglichen Aktivitäten beinhalten den Aufbau geschäftlicher Beziehungen, betriebswirtschaftliche Strategien, interne Prozesse/Richtlinien und allgemein gesagt, dabei zu helfen, Canonical auf dem richtigen Weg zu halten. Ich beteilige mich auch direkt an Ubuntu, indem ich bei verschiedenen Teilen in der Ubuntu-Gemeinschaft helfe und das ShipIt-Programm (unter anderem) leite.

Eine der Sachen, die mir am meisten gefallen, ist die Herausforderung, welche darin liegt, das richtige Gleichgewicht zwischen den kooperativen und konkurrierenden Anforderungen der Community, des Unternehmens, der Mitarbeiter, usw. zu finden. Das Unternehmen und das umgebende Ökosystem sind wie ein lebendiges Tier (mit unserer Geschäftsentwicklung, Administration, Softwareentwicklung, Community, technischem Support usw. als eine Art körpereigene Betreuung der Systeme). Damit das System insgesamt gedeiht, müssen wir alle Bestandteile des Systems gesund halten, und ich mag es, dass meine Tätigkeit die meisten dieser Systeme berührt.

Die andere Sache, die ich sehr mag, ist, dass ich in der Lage bin die Anmerkungen der Leute zu lesen, wenn diese CDs über Ship-It anfordern. Ich habe keine Zeit, alle Anmerkungen zu lesen, aber wenn ich eine Pause vom IRC, E-Mail und den ganzen Besprechungen brauche, dann lese ich eine zufällige Auswahl dieser Bemerkungen. Es ist so inspirierend darüber lesen, was Menschen mit den Ubuntu-CDs, die wir ausliefern, vorhaben. Diese Bemerkungen sind eine starke Erinnerung daran, welchen Einfluss wir durch unsere Aktionen auf das Leben der Menschen ausüben. Das gibt mir erneute Motivation, das fortzuführen was wir leisten und dies auch weise zu tun.

Wie war die Struktur des Unternehmens bevor Ubuntu ins Leben gerufen wurde und was hat sich danach fundamental geändert? Wie funktioniert Canonical?

Die Unternehmensstruktur hat sich nicht wirklich signifikant verändert. Die Zahl der Mitarbeiter hat sich verändert und die Verantwortungsbereiche verschiedener Individuen haben sich vergrößert, aber insgesamt ist die Struktur gleich geblieben. Wir sind nun in einem Prozess der Stärkung einiger Teams und man wird sehen, dass wir in den nächsten Monaten Mitarbeiter mit spezifischen Qualifikationen suchen werden.

Wieviel Arbeit wird bei Canonical von Fernarbeitsplätzen aus gemacht? Bedeutet diese Entfernung auch eine Schranke bei der Kommunikation zwischen den Mitarbeitern?

Die meisten Canonical Mitarbeiter arbeiten von zuhause aus. Wir haben etwa 45 Angestellte in 15 verschiedenen Ländern. Glücklicherweise haben die meisten Menschen jahrelange Erfahrung in der Open Source Welt. Sie sind es gewohnt mit Menschen zu arbeiten, die sich selten sehen und wir haben die besten verfügbaren Methoden aus der Erfahrung mit dezentralisierten Umgebungen angenommen. Und obwohl die dezentralisierte Natur von Canonical natürlich hin und wieder Probleme bereitet, denke ich trotzdem, dass es Ubuntu hilft und zwar aus dem Grund, weil es ein Garant dafür ist, dass wir unsere Entwicklungsprozesse und Kommunikation so offen wie nur möglich halten. Wenn jeder am gleichen Firmensitz ansässig ist, dann ist es nur natürlich, dass jeder aus der unmittelbaren Nähe an der ungezwungenen Kommunikation teilnimmt und der Rest, welcher nicht vor Ort ist, außen vor bleibt. Die Tatsache, dass wir dezentral sind, bedeutet, dass es im Hinblick darauf, zu wissen was in der Ubuntuwelt passiert, kaum einen Unterschied zwischen den bei Canonical angestellten und den Mitgliedern der Gemeinschaft gibt.

Ist Canonical ein attraktiver Arbeitgeber für neue Mitarbeiter? Wieviele Anfragen erhalten Sie auf Ihre Stellenagebote (z.B. auf die Ende Januar publizierte Stellenanzeige)?

Wie bei jedem Unternehmen ist es ein großartiger Ort für einige Menschen und ein weniger großartiger für andere. Ich mag diesen Ort und die meisten unserer Angestellten mögen diesen Ort auch. Es ist nicht für jedermann etwas. Wir bieten die Möglichkeit mit erstaunlichen Menschen zu arbeiten und eine anspruchsvolle und lohnende Arbeit zu leisten und ein Teil von etwas zu sein was die Linux-Landschaft definitiv verändert. Allerdings arbeiten wir in einer sich sehr rasant entwickelnden Umgebung, wo der Wechsel die "Konstante" ist und die Arbeit sich oft unerbittlich anfühlt. Manche Menschen blühen auf in dieser Umgebung und andere, ebenso tüchtige und talentierte Menschen, hingegen nicht.

Sie haben vor kurzem eine Stelle als Ubuntu-Qualitätsingenieur ausgeschrieben. Warum? Bedeutet das, dass die Community nicht ausreichend ist?

Die Arbeit der Gemeinschaft an der Qualitätssicherung drückt sich in Begriffen wie Sichtung von Fehler und deren Behebung aus, welche sehr entscheidend für uns sind. Wir sind zur Zeit darauf angewiesen und werden es auch zukünftig sein. Aber in diesem Fall haben wir Bedarf an zusätzlicher Unterstützung verspürt und wir entschieden uns, in einen dafür auf Vollzeitbasis bestimmten Qualitätsingenieur zu investieren.

Wie arbeiten Canonical und die Gemeinschaft zusammen? Wo kann Canonical der Community helfen und wo kann die Community Canonical helfen?

Die Community ist groß und stark und hat auf manchen Gebieten einen größeren Einfluss als es Canonical hat. Um diesen Multiplikatoreffekt wirksam einzusetzen, versuchen wir die Beziehung zwischen Canonical und der Community so transparent und so synergistisch wie nur möglich zu halten. Zum Beispiel können wir einfach nicht auf allen Linux- und Opensource-Konferenzen/-Tagungen/-Messen rund um die Welt aktiv sein. Nur mithilfe der Community und der LoCo-Teams (lokale Community-Teams) kann Ubuntu auf diesen Konferenzen/Tagungen/Messen präsent sein.

Seinerseits versucht Canonical dies zu unterstützen, indem es Hilfsmittel für die lokalen Teams wie Webhosting, freie CDs und Material für Messen zur Verfügung stellt.

Zusätzliche Wege, wie sich die Gemeinschaft beteiligen kann, sind unter http://www.ubuntu.com/community/participate aufgelistet.

Warum sollten Unternehmen zu Ubuntu wechseln?

Ich glaube, dass Unternehmen (und Regierungsbehörden, Schulen und andere Organisationen) Ubuntu aus einer Vielzahl von Gründen nutzen werden. Wir glauben, dass wir die richtige technische Lösung (die Fülle und Breite von Debian, kombiniert mit feststehenden Releasezyklen und freier Sicherheitsunterstützung), die richtige Lösung für die Community (immer frei, Zahlung von Supportleistungen bei Bedarf wenn Sie es wollen) und die richtige Lösung für Partner (Zertifizierung für große unabhängige Software- und Hardware-Anbieter, ein gesunder Marktplatz). Jede Organisation wird diese Bereiche anders priorisieren, aber ich glaube, dass wir uns zu den besten zählen dürfen - und zwar unabhängig davon, wie diese Faktoren geordnet werden.

Mitbewerber wie Novell und Red Hat sind wirtschaftlich gesehen bereits gut positioniert. Was bringt der Dienstleistungskatalog und worauf zielt Canonical wirtschaftlich gesehen ab?

Der Dienstleistungskatolog beinhaltet einen hochklassigen technischen Support, wir bieten auch das "Maßschneidern" von Ubuntu an. Unser Supportmodell unterscheidet sich von dem einiger Mitbewerber darin, dass wir auch das ganze Ökosystem rund um Ubuntu zur Kenntnis nehmen. Wir ermuntern andere Unternehmen Support für Ubuntu für deren lokale Umgebungen anzubieten, und wir können ihre Angeboten bestärken, indem wir ausgeweiteten Support anbieten. Auf diese Weise profitieren Endanwender und Kunden von den lokalen Dienstleistern und können auch das für Ubuntu verantwortliche Kernteam erreichen, wenn sie mit schwierige Fragen konfrontiert sind.

Mark Shuttleworths Standpunkt zu der Beziehung zwischen Ubuntu und Debian ist ziemlich klar, aber was ist mit den Beziehungen zu anderen Distributionen (Red Hat, SUSE, Mandriva, Linspire, etc.)?

Im Allgemeinen pflegen wir gute Beziehungen und haben Kontakt zu den anderen Distributoren. Wie in anderen Geschäftsbereichen auch, kooperieren wir auf manchen Gebieten und konkurrieren auf anderen. Ich hoffe, dass Sie die aktuelle Ankündigung von Mepis, welches Ubuntu als Grundlage nutzen möchte, mitbekommen haben. Das ist ein gutes Beispiel dafür, wo wir miteinander kooperieren und konkurrieren.

Was denken Sie über die Ähnlichkeiten zum Ubuntu-Logo, welche in verschiedene Produktlogos zu finden sind (z.B. die MSN-Plattform)? Hat Canonical irgendwelche Schritte im Bezug auf Markenverletzungsklagen unternommen?

Wir beobachten die Nutzung des Ubuntu-Logos aufmerksam und sind in Fällen einer klaren Markenverletzung dagegen vorgegangen und werden zukünftig ebenso verfahren.

Die meisten Menschen assoziieren Canonical mit Ubuntu, aber es werden auch andere Projekte wie Bazaar, die "Go Open Source"-Campagne oder die OpenCD unterstützt. Was sind Ihre persönlichen Ansichten zu diesen Projekten?

Vergessen Sie nicht den Software-Freiheitstag (in diesem Jahr für den 16. September geplant). Wir unterstützen Projekte, welche wir als wichtig für die freie und quelloffene Welt erachten, welche einen bezeichnenden globalen Einfluss im Hinblick auf Einführung von quelloffener Software haben können und welche sich irgendwie auf Ubuntu beziehen. Es gibt eine Menge guter Projekte da draußen, aber unglücklicherweise können wir einfach nicht alle unterstützen.

Dieses Interview ist auch auf: französisch and chinesisch verfügbar.